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Gestalten und ins Gespräch kommen – der Malkurs im Wohnhaus Elbchaussee

Um das Kunstwerk in seiner ganzen Länge zu betrachten, muss man es auf vier nebeneinander gestellten Tischen ausrollen. „376 Menschen mehr Publikum für Helene Fischer“ heißt es – und tatsächlich sind es 376 gezeichnete Figuren, die mit ausgebreiteten Armen nebeneinander stehen. Einige fest und ruhig, viele eher zerbrechlich und unsicher, manche Gesichter sind fröhlich, andere scheu oder traurig.

Entstanden ist das Bild – wie hunderte anderer Zeichnungen, Gemälde, Drucke, Masken oder Plastiken – im Malkurs des Wohnhauses Elbchaussee des Hamburger Lebenshilfe-Werks. Seit Jahren sitzen hier fünf bis zehn Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses einmal pro Woche zusammen, um ihre jeweils eigenen Ideen umzusetzen oder sich zu neuen Motiven oder Techniken anregen zu lassen. Seit 2014 leitet Sabina Angerer, Kunstpädagogin und Kunsttherapeutin in der Zertifizierungsphase, den Kurs. Er wird ermöglicht durch Zuwendungen der Christiane und Dirk Reichow-Stiftung für bildende Kunst.

„Barrieren spielen beim Malen und Zeichnen eine sehr viel geringere Rolle als im Alltagsleben, sagt Frau Angerer. So hat z.B. die Kursteilnehmerin, die die 376 Figuren gemalt hat, einen immer stärker werdenden Tremor in den Händen, was im Alltagsleben große Einschränkungen mit sich bringt. Auch das Führen des Stiftes ist für sie anstrengend. „Die von ihr gezeichneten Figuren sehen daher alle verwackelt aus. Aus künstlerischer Sicht ist natürlich gerade das vermeintlich Unperfekte interessant. Diese speziellen Figuren beflügeln unsere Phantasie zu immer neuen Geschichten, die sich daraus entspinnen. Mit Kontinuität und Disziplin arbeitet sie seit Monaten an diesen Zeichnungen. Mit jeder Malstunde freut sie sich über den ‚Zuwachs‘. Sie ist stolz darauf, was sie leistet und wie sie durch die Zeichnungen einen lebendigen und humorvollen Kontakt mit anderen gestaltet.“

Manchmal braucht es Zeit und Anregung, um kreative Potenziale zu entwickeln. „Ein Teilnehmer hat vor einem Jahr oft stereotype Symbole wie Fußball-Logos gezeichnet. Er hat schnell aufgegeben, wenn er an eine gestalterische Grenze kam. Seine individuellen Zeichnungen fand er oft blöd, weil sie nicht seiner Vorstellung von Perfektheit entsprachen. Wir haben dann daran gearbeitet, sich Dinge und Menschen genau anzuschauen – in Vorlagenbüchern oder in Zeitschriften, die er mitbringt. Das hat ihm Sicherheit gegeben, seine eigenen Bildfiguren zu entwickeln. Die stereotypen Symbole tauchen nach wie vor auf, aber mittlerweile in Kombination mit freien Elementen, die oft sehr detailliert sind und einen ganz eigenen Stil haben.“

Motive, Techniken und Materialien können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst aussuchen. Das freie Gestalten gibt viele Anknüpfungspunkte, um ins Gespräch über die Themen zu kommen, die die Menschen gerade beschäftigt. „Ich versuche, mich mit jeder und jedem über das Gemalte, Gezeichnete oder Plastizierte auszutauschen. Mir scheint, dass diese Gespräche für viele ein wichtiger Aspekt des Malkurses sind. Es geht nicht darum, kreative Aufgaben und ästhetische Erwartungen zu erfüllen, sondern darum, über das Gestalten mit sich und anderen in Kontakt zu sein. Ich bin darauf bedacht, keine Interpretationen meinerseits anzubieten, sondern auf seine bzw. ihre Beschreibung einzugehen.“

Manchmal gibt es aber auch recht konkrete Anregungen. Es werden neue Techniken gezeigt oder neue Papierformate angeboten. Zudem gibt es gemeinsame Ausflüge, z.B. in den Maskensaal des Völkerkundemuseums oder in eine Kunstbuchhandlung, die dann deutliche Spuren in den Arbeiten einiger Kursteilnehmer hinterlassen.

Die Leiterin des Wohnhauses, Monika Thiex, sieht in der Malgruppe einen wertvollen Bestandteil der Arbeit ihres Hauses: „Der Kurs stärkt das Selbstwertgefühl der Teilnehmer und ihre Autonomie. Die Menschen finden hier Ruhe und Konzentration, um bei sich zu sein und sich als selbstwirksam und selbstgestaltend zu erleben.“