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Gruppe 6 des Karl-Schütze-Heims in Merkendorf: Erfahrungen mit flexibler Assistenz und mehr Selbständigkeit
  

Das Karl-Schütze-Heim bietet eine verlässliche Versorgung. Die Großküche sorgt für das Essen, die Wäscherei für saubere Kleidung. Die Dienstpläne sind so aufgestellt, dass alle Zeiten rund um die Uhr zuverlässig abgedeckt werden.

Aber ist das wirklich für jeden, der hier wohnt, das Richtige? Gibt es nicht Menschen, die sich stärker selbst ausprobieren und ihre Dinge selbst regeln wollen? Die nicht rund um die Uhr eine Ansprechperson brauchen, aber dafür gerne intensivere Assistenz zu bestimmten Anlässen hätten, um ihren Interessen nachzugehen – im Heim oder auch außerhalb?

Ja, es gibt solche Menschen. Für sie besteht seit einem Jahr im Karl-Schütze-Heim die neue Gruppe 6.

12 Bewohner leben in 3 Wohnungen innerhalb der Einrichtung; zu fünft, zu viert und zu zweit plus ein Apartment für eine Person. Sie werden von 4 Mitarbeitern mit 100 Wochenstunden betreut.

Für die neue Gruppe haben sich Mitarbeitende beworben, die ganz gezielt ein Projekt mit flexibleren Assistenzleistungen auf den Weg bringen wollten. Die Bewohner waren an den Auswahlgesprächen der Mitarbeitenden beteiligt.

Die Arbeitszeiten der Mitarbeiter richten sich hauptsächlich nach den Wünschen und Bedarfen der Bewohner. Hauptziel der Wohngruppe 6 ist es, die Bewohner in lebenspraktischen Dingen zu unterstützen bzw. anzuleiten, um die Selbständigkeit und die Unabhängigkeit im Alltag zu fördern. Ziel ist nicht lückenlose Präsenz rund um die Uhr, sondern Assistenzleistung dann, wenn die Bewohner sie „bestellen“.

Zunächst einmal ist es wichtig, dass die Bewohner selbständig und pünktlich aufstehen, sich Frühstück bereiten, um dann mit den (Werkstatt-) Bussen zu ihren Arbeitsstätten zu fahren.

Sollte sich jemand krank fühlen, ruft er in der Werkstatt an oder meldet sich in einer anderen Wohngruppe. Manche rufen auch ihre Mitarbeiter auf dem Diensthandy an. Fast alle Bewohner haben ein eigenes Handy und können gut damit umgehen.

Zum Hausarzt in Neustadt können fast alle allein mit dem öffentlichen Bus fahren.

Jeder hat seine Ausweise, die Gesundheitskarte und die Telefonnummern der Mitarbeiter in seinem Portemonnaie. Mithilfe eines Formulars: - Fragen an den Arzt- werden Informationen ausgetauscht.

Seit es die Gruppe gibt, arbeiten die Bewohner daran, möglichst große Teile ihrer Haushaltsführung selbst in die Hand zu nehmen, und werden dabei unterstützt. Im letzten Jahr haben alle gelernt die Wäschepflege selbst zu übernehmen.

Jeder wäscht seine Wäsche selbst. Für die Nutzung der Waschmaschine gibt es einen Plan. Fast jeder kann die Waschmaschine/Trockner bedienen. Manche sortieren ihre Schmutzwäsche in ihrem Wäschesammler vor(30 Grad; 60 Grad). Manche haben sich Waschtabs gekauft, um das Waschpulver besser dosieren zu können.

Auch das Einkaufen haben die Bewohner, unterstützt durch gezieltes Einkaufstraining, mehr und mehr übernommen – was nicht ganz einfach ist, weil das nächste Geschäft drei Kilometer vom Heim entfernt liegt. Fast alle Bewohner können ihre persönlichen Dinge selbst einkaufen. Unterstützung erfahren alle Bewohner beim Einkauf der Bekleidung, Bestellen von Konzertkarten, Anmeldung zu Veranstaltungen(Flohmarktstand), Einkaufen von Lebensmitteln zum Kochen.

Es werden Einkaufszettel geschrieben, die Preise verglichen und Mengen bestimmt und verschiedene Geschäfte in Neustadt zum Kennenlernen und zur Orientierung aufgesucht.

Die Bewohner bereiten Kaltmahlzeiten selbständig zu. Dafür bekommen sie die Lebensmittel wie Brot, Aufschnitt, Joghurt, etc. aus der zentralen Küche der Einrichtung.

Täglich werden die Bestellzettel selbständig ausgefüllt. Dazu befragen und beraten sich die Bewohner untereinander nach ihren Wünschen.

Auch das Kochen warmer Mahlzeiten wird trainiert. 1x in der Woche wird in jeder Wohneinheit gekocht.

Der Überblick, die wie Dinge zusammenhängen, wird Schritt für Schritt besser. Planen, Einkaufen und Kochen werden aufeinander abgestimmt. Es werden Rezepte von einfachen Gerichten besprochen, eine Einkaufsliste erstellt, Lebensmittel gekauft und dann möglichst ohne Unterstützung gekocht.

Manche haben schon viel gelernt. zum Beispiel trauten sich vor einem Jahr viele noch nicht, den Herd zu bedienen. Heute können einige der Bewohner einfache Speisen selbst zubereiten. Es ist eine gute Erfahrung, festzustellen, was man alles schafft!

Reinigung und Ordnung im eigenen Bereich ist das neue Ziel innerhalb der Gruppe 6. Jeder ist für die Reinigung seines Zimmers zuständig. Aufräumen, Staubsaugen, Wischen, Waschbecken säubern etc.

Manche haben sich einen eigenen Staubsauger gekauft. Für die Reinigung der Gemeinschaftsräume (Duschen, Küchen etc. auch die Kühlschränke und Waschmaschinen) wurden gemeinsam im Gespräch Putzpläne erarbeitet.

Ein wichtiger Ort für Absprachen ist der Stammtisch der Bewohner in Begleitung eines Mitarbeiters. Gruppe 6 besteht aus verschiedenen Wohneinheiten und verfügt über keinen gemeinsamen Tagesraum, daher treffen sich alle Bewohner 1x im Monat am Sonntagabend in der Merkendorfer Dorfschänke in gemütlicher Runde. Bei Speis und Trank werden Informationen ausgetauscht, Veranstaltungswünsche und Einhalten von Regeln besprochen etc.

Hier wurden z.B.: die Putzpläne erarbeitet, über Brandschutzregeln gesprochen, Partys und Spielenachmittage geplant und für deren Vorbereitungen Aufgaben verteilt, eine Sozialraumkarte mit wichtigen Anlaufpunkten in Neustadt erstellt und ausgehängt.

Es ist gut, dass es Gruppe 6 gibt. Die Bewohner geben positive Rückmeldung an die Mitarbeiter. Es sind viele neue Ideen entstanden und persönliche Wünsche in Erfüllung gegangen (z.B. Wellensittiche im Zimmer!). Es konnten Ressourcen entdeckt und aktiviert werden. Alle konnten in ihrer Selbständigkeit gefördert und bestätigt werden.

Zwei der Bewohner planen nach über 50 Jahren Heimerfahrung sich aus der Einrichtung zu lösen und streben das ambulant betreute  Wohnen in Neustadt an. Anhand von Wunschermittlung und Zukunftsplanung konnten sie einen neuen Weg erkennen und planen.
  

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