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Wohnhaus Ausschläger Elbdeich: Wie man aus der Not einen guten Urlaub macht

Für die Menschen, die im Wohnhaus Ausschläger Elbdeich des Hamburger Lebenshilfe-Werks wohnen und arbeiten, kamen die schlechten Nachrichten Schlag auf Schlag. Wegen eines großen Durchfeuchtungsschadens war schon die Sanierung eines Sanitärbereichs geplant. Dann quoll eines Tages Wasser in Strömen aus den Decken im Erdgeschoss. Verstopfte Fallrohre, defekte Abflussrohre – eine große Sanierung des Leitungssystems für das stattliche alte Haus aus dem 19. Jahrhundert war unumgänglich – und zwar sofort. Für mindestens 14 Tage war ein Wohnen im Haus wegen Abbruchlärm, abgestelltem Wasser und gesperrten Sanitärbereichen undenkbar. Die 14 Bewohnerinnen und Bewohner mussten raus. Aber wohin?

Das Team hatte sofort die Idee, aus der Not eine Tugend zu machen. Wieso nicht, seit langer Zeit mal wieder, gemeinsam in den Urlaub fahren? Aber wie bekommt man ein Ferienquartier für 14 Menschen plus BetreuerInnen kurzfristig und mitten in der Hauptsaison?

Wohnhaus-Leiterin Kordula Müller führt über hundert frustrierende Telefonate – und plötzlich ist doch ein Treffer dabei: Eine neue Kanu-Station an der Wakenitz zwischen Lübeck und Ratzeburg hat noch Platz. Am nächsten Montagmorgen steigen die Menschen aus dem Wohnhaus mit eilig gepackten Siebensachen in die Busse und fahren ab. Die Handwerker stehen bereit - auch das ist zurzeit alles andere als selbstverständlich! - und machen sich über die sanierungsbedürftigen Sanitärinstallationen her, dass es staubt und kracht.

Die 14 BewohnerInnen aus dem Ausschläger Elbdeich sind von dem neuen Quartier von Anfang an angetan – und vom Ferienprogramm, das die Betreuerinnen und Betreuer aus dem Boden gestampft haben: Grillen, Besuch in Lübeck, Schifffahrt auf der Wakenitz, Karl-May-Festspiele in Segeberg.

Für die BetreuerInnen ist die Situation alles andere als einfach. Die Personaldecke ist knapp, ein Kollege ist erkrankt, die Arbeitszeiten sind lang, in der Kanu-Station ist reichlich viel Betrieb, die Abstimmung ist kompliziert. Nachts schlafen einzelne im Zelt, und das Wetter ist kälter als erhofft. Aber all das soll nicht zulasten der BewohnerInnen gehen. Man improvisiert und hält durch. Die Telefon-Arbeit von Frau Müller trägt Früchte, und schließlich kommt Unterstützung: Eine Kollegin aus dem Wohnhaus Henriette-Herz-Ring und eine Praktikantin springen ein – und stehen schnell in gutem Kontakt mit den bisher unbekannten UrlauberInnen aus dem Ausschläger Elbdeich.

Im Wohnhaus in Hamburg kommen die Baumaßnahmen voran, aber wie das bei Altbauten so ist: Unter der Oberfläche lauern die Überraschungen, und die kosten Zeit. Die „heiße Phase“ der Maßnahme dauert länger als gedacht, und erneut muss umgeplant werden. Zum Glück können einige Räume an der Wakenitz für eine zusätzliche Woche gebucht werden. Und so kommt nur ein Teil der BewohnerInnen planmäßig nach zwei Wochen zurück, weil ihr Urlaub in der Werkstatt leider zu Ende ist. Sie beziehen das Erdgeschoss im Ausschläger Elbdeich, das schon wieder bewohnbar ist, während die anderen zu ihrer Freude an der Wakenitz bleiben.

Dort geht das Ferienprogramm weiter: Vogelpark, Ostsee, Wildpark, Niederegger in Lübeck. Und lange Abendstunden am Feuer mit Gruselgeschichten, Gesprächen, viel Gelächter und gegrillten Würstchen. In der Kanustation entwickelt sich in der zweiten Woche ein gutes Miteinander zwischen den Gästen aus dem Ausschläger Elbdeich und den übrigen Gästen. Man spricht miteinander und unterstützt sich. Eine Familie, die spät abends und müde vom Kanufahren mit drei kleinen Kindern ankommt, wird zu Grillwürstchen eingeladen. Wohnhausleiterin Kordula Müller, die wieder einmal zu Besuch ist, wird von einem Urlauber angesprochen: Er wolle ihr gratulieren zu so engagierten MitarbeiterInnen, die so respektvoll und so ideenreich mit den BewohnerInnen umgehen. Es mache Freude, so ein gutes Miteinander zwischen Betreuern und den betreuten Menschen zu erleben.

Nach drei Wochen steht auch für die zweite Gruppe die Rückkehr nach Hamburg an. Ganz fertig ist die Baumaßnahme noch nicht, und ein paar Einschränkungen werden noch mehrere Wochen andauern. Aber ein Teil der Toiletten, Duschen und Waschbecken sind wieder verfügbar. Und man sieht schon, es wird besser als zuvor: Auch eine komfortable Pflegebadewanne ist vorgesehen.

Über die Wohnbeiräte haben die Urlauber einen Wunsch vorgetragen: Kann nicht für den nächsten Sommer wieder ein Aufenthalt in der Kanu-Station gebucht werden? Die Inhaber der Kanu-Station haben dazu eine klare Meinung: gerne, herzlich Willkommen zum nächsten Mal!
  

Eher ungemütlich: Ein Badezimmer während der Abbrucharbeiten im Ausschläger Elbdeich
  

Eher gemütlich: Zimmer in der Kanu-Station an der Wakenitz
  

Im Wildpark ...

  

... auf der Schmalspurbahn ...

... im Erlebnispark ...
 

... und bei der Vogelbeobachtung.